Digitale Strategien für Unternehmen
Heute hat Sascha Lobo gemeinsam mit der Wirtschaftswoche eine hochinteressante Debatte gestartet: Es geht im Kern darum zu analysieren, welche Entwicklungen im sozialen Internet für Unternehmen von Bedeutung sind, und welche eher einen “Hype” darstellen. Der Debattenbeitrag soll “kollektiv” entwickelt und diskutiert werden.
Sascha Lobo schreibt, dass in der aktuellen Diskussion um die digitale Vernetzung der Gesellschaft ein wesentlicher Bereich vernachlässigt wird: die Unternehmen. Das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Es gibt natürlich viele Bücher zu Themen wie “Wissensmanagement mit Wikis” oder “Werbung mit Twitter”; diese nehmen aber in der Regel eine höchst technik- oder marketinglastige Sicht ein.
Erschwerend kommt hinzu, dass viele Führungskräfte aus den “etablierten” Branchen (also nicht aus der Internetwirtschaft) das Thema nicht wirklich ernst nehmen. Natürlich wird inzwischen getwittert, gebloggt und “gefacebooked”. Aber diese Initiativen gehen meist vom Marketing aus und werden kaum strategisch genutzt. Warum erkennen die Unternehmen nicht, welche Chancen und Risiken das soziale Web für ihr Geschäftsmodell darstellt? Ein Grund ist sicherlich die Armada selbst ernannter “Social Media Experten”, die den Managern weismachen wollen, dass sie ohne Twitter dem Untergang geweiht sind.
Das ist natürlich Unsinn und lenkt von der eigentlichen Fragestellung ab: Wie muss ich mein Unternehmen heute aufstellen, um in der (zukünftigen) Welt des sozialen Internets erfolgreich zu sein?
Darauf gibt es selbstredend keine einfache Antwort. Aber es ist gut, dass die aktuelle gesellschaftliche Debatte auf diese Frage gelenkt wird.
Ich glaube, dass folgende kulturelle Trends besonders bedeutend sind, wenn man über digitale Strategien von Unternehmen spricht:
- Vernetzung
- Partizipation
- Individualisierung
- Transparenz
- Vertrauen
- Geschwindigkeit
Unternehmen haben dabei stets zwei Sichtweisen zu berücksichtigen:
- die interne Perspektive (Mitarbeiter, Lieferanten, Strategie, …) und
- die externe Perspektive (Kunden, Geschäftspartner, Gesellschaft, …).
In der folgenden Abbildung habe ich einen ersten Versuch gestartet, diese Trends mit möglichen Auswirkungen zu verbinden und damit zu konkretisieren. Zu jedem der Punkte könnte man wohl einen eigenen Artikel schreiben… Ich bin gespannt auf die Debatte!



Die sechs Trends eignen sich hervorragend, um die digitale Stragie von Unternehmen zu ordnen. Man könnte sie statt Trends auch “Handlungsfelder” nennen, denn in diesen Feldern müssen Organisationen ihre Prozesse und Strukturen anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Darüber liegt ein Mega-Trend zu mehr _Relevanz_, auf den alle sechs Trends aus der Grafik einzahlen. Früher reichte es aus, schlechte oder unnütze Produkte mit gewaltigem Werbedruck nach dem Push-Prinzip in den Markt zu drücken. In unserer heutigen Gesellschaft des Überflusses, der Verschwendung und der unüberschaubaren Optionen muss ein Produkt oder eine Organisation eine herausragende Leistung bzw. einen herausragenden Mehrwert bieten, um wahrgenommen und gekauft zu werden. Der Konsument entscheidet informierter nach dem Pull-Prinzip, was er kauft bzw. konsumiert. Er kauft das Produkt, das für ihn am relevantesten ist. Bei immateriellen Gütern wie Nachrichten, Musik, Filmen, etc. ist diese Entwicklung bereits weit fortgeschritten und hat ganze Branchen auf den Kopf gestellt.
Bei allen sechs kulturellen Trends geht es letzlich um eine Erhöhung der Relevanz im Markt:
- Vernetzung: Nötig, um überhaupt gefunden zu werden.
- Partizipation: Weil man langfristig nur so Produkte schaffen kann, die jemand braucht, also für jemanden relevant sind. Wer seine Mitarbeiter und Kunden nicht am Produktentwicklungsprozess beteiligt, wird nur selten einmal so gut sein wie Wettbewerber, die das tun und somit aus einem größeren Ideen-Pool schöpfen können.
- Individualisierung: Klar, macht ein Produkt relevanter für einen bestimmten Abnehmer.
- Transparenz: Befriedigt einerseits die zunehmend relevanten Aspekte der Corporate Social Responsibility. In der digitalen Welt scheinen Preis- und Qualitätstransparenz momentan jedoch noch wichtiger für die Kauf- bzw. Nutzungsentscheidung zu sein. Und bei gleicher Qualität zweier Produkte, ist das billigere eben relevanter.
- Vertrauen: Die Empfehlung eines Freundes ist relevanter als unspezifische Werbung. Auch das Vertrauen in eine Marke, kann ein Produkt relevant machen.
- Und schließlich die Geschwindigkeit, die man auch “Rechtzeitigkeit” nennen kann. Nur was zur richtigen Zeit verfügbar ist, ist relevant. Meist ist das “Schnelligkeit”, aber nicht immer.
Als siebten großen Trend (bzw. Handlungsfeld) muss man, eng verknüpft mit “zur rechten Zeit”, auch den “rechten Ort” hinzufügen. Ob ein Produkt relevant für jemanden ist, hängt nicht nur vom zeitlichen, sondern auch vom räumlichen Kontext ab. Spätestens in zwei bis drei Jahren wird wirklich jeder ein GPS-fähiges Handy haben. Location-based Services werden dann fast immer die Nase vorne haben gegenüber solchen, die den räumlichen Kontext des Nutzers nicht einbeziehen.
Vielen Dank für die Konkretisierung der Trends und Deine Hinweise. Du hast absolut recht: Die Berücksichtigung des „richtigen Ortes“ wird völlig neue Geschäftsmodelle entstehen lassen. Vielleicht sollte man den letzten Punkt „Geschwindigkeit“ einfach mit „Kontext“ ersetzen – und damit zeitlichen und örtlichen Kontext berücksichtigen?
Vielen Dank für die Zusammenraffung der Thematik, es ist absolut nicht mein Themenfeld und ich hätte Lobos Anstoss nicht so verständlich Umsetzen können!
Besten Dank!
Als Hinweis für weitere Leser: zahlreiche spannende Diskussionsansätze finden sich inzwischen bei http://saschalobo.com/2010/02/11/debattenbeitrag-2-0-die-wirtschaft-und-das-netz-%E2%80%93-digitale-strategien-der-zukunft-at/