Google Buzz: Alles für alle?
Mit Buzz hat Google gestern eine lang erwartete Offensive in den umkämpften Markt der sozialen Internetanwendungen gestartet. Die Funktionen von Buzz lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Google Buzz = (Facebook + XING + Twitter + Instant Messaging + E-Mail) x (Echtzeit + Location)
Aber Funktionsvielfalt ist nicht gleich Marktanteil. Zum einen wird Google Buzz viele Gelegenheitsnutzer überfordern. Sicherlich nicht so sehr wie das andere Hype-Projekt von Google namens Wave, aber es wird trotzdem ein Problem für die Verbreitung darstellen. Zum anderen hat Google noch nicht schlüssig erklärt, wie die strategische Ausrichtung von Buzz aussieht. Welche Zielgruppe will Google damit erreichen? Derzeit sieht es so aus, als solle Buzz als eierlegende Wollmilchsau positioniert werden: Öffentliche Tweets an alle wie bei Twitter, halb-private Tweets an einen festgelegten Bekanntenkreis wie bei Facebook, geschäftliche Nutzung wie bei Social Business Software (Integration in Google Apps), plus persönliche Profile, Chat und E-Mail. Hinzu soll auch der Markt der Location Based Services bedient werden. Die Integration in Google Maps und in mobile Applikationen könnte Empfehlungsdienste wie Yelp und Foursquare in Bedrängnis bringen. Kann Google Buzz das alles sein? Oder wird Buzz am eigenen Anspruch zugrunde gehen? Zunächst lohnt ein Blick auf die etablierten sozialen Anwendungen, weil sich daraus Erfolgskriterien ableiten lassen:
- Twitter: Mit Twitter kann man die Welt informieren -”SMS an alle”. Twitter ist erfolgreich, weil es leicht verständlich ist (geringe Einstiegsbarrieren) und das Follower-Konzept einseitige Verbindungen erlaubt: Man muss nicht gleich mit jemandem befreundet sein, um dessen Tweets zu lesen. Aufgrund der Öffentlichkeit der Plattform wird Twitter, ähnlich wie eine Webseite oder ein Blog, vor allem dazu genutzt, Meinungen zu publizieren und letztlich Werbung in eigener Sache zu machen.
- Facebook: Das zentrale Element von Facebook sind die “Freunde”. Verbindungen zwischen Nutzern müssen gegenseitig bestätigt werden. Dadurch entsteht ein Schutzschild gegenüber der (anonymen) Öffentlichkeit: Bei Facebook findet Kommunikation zwischen Freunden und Bekannten statt, und man kann entscheiden, wer daran teilnehmen darf. Es ist wie auf einer Party, wo sich die herumstehenden Gäste an einem Gespräch beteiligen können. Inzwischen bietet Facebook zwar auch vollständig öffentliche Statusmeldungen wie Twitter, allerdings wird das von den Nutzern bisher nicht angenommen.
- XING/LinkedIn: Beide Plattformen bewegen sich in einem beruflichen Umfeld. Bekanntschaften müssen zwar gegenseitig bestätigt werden, aber die Aktivitäten der Nutzer richten sich eher an die Öffentlichkeit: Wie bei Twitter will man Werbung in eigener Sache machen (Profil/Lebenslauf), aber gleichzeitig geschäftliche Beziehungen aufbauen und pflegen (Angabe von Interessen). XING und LinkedIn sind erfolgreich, weil sie eine klare Ausrichtung haben und der Nutzen für jeden ersichtlich ist. Statusmeldungen wie bei Twitter gibt es inzwischen auch, diese funktionieren aber weniger gut, da Twitter bei der Zielgruppe dominant ist.
Google Buzz ist in Google Mail integriert und kommt daher aus der E-Mail-Welt. Google fügt die Kontakte automatisch zu Buzz hinzu, mit denen man per E-Mail häufig in Kontakt steht. Nun ist es aber leider so, dass die Schnittmenge der Gruppe, mit denen E-Mails ausgetauscht wird, und der Gruppe, mit denen man in sozialen Netzwerken kommuniziert, unter Umständen relativ klein ist:
- Enge persönliche Freunde sieht man im “echten Leben” so regelmäßig, dass der E-Mail-Verkehr häufig minimal ist. Dennoch wird man mit diesen Freunden bei Facebook intensiv kommunizieren, da dies unkompliziert und, wie oben beschrieben, wie eine Unterhaltung auf einer Party ist: andere werden beteiligt. Bei Jugendlichen spielt E-Mail als Anwendung nur noch eine Nebenrolle und wird zunehmend von sozialen Netzwerken abgelöst.
- Mit beruflichen Kontakten steht man dagegen häufig in E-Mail-Kontakt. Aber will man auf dieser Ebene ein Kommunikationsmedium nutzen, das so informell wie Google Buzz ist? Hier hat Twitter aus meiner Sicht einen Vorteil, da es eher einseitig funktioniert: interessierte Kunden können also meine Tweets lesen, müssen aber dafür keine Kommunikationsbeziehung mit mir aufbauen.
In der folgenden Grafik habe ich die Positionierung der etablierten Netzwerke (plus E-Mail) nach folgenden Kriterien dargestellt:
- Intensität der Bindung: ganz links bedeutet keine Bindung (Personen sind nicht bekannt), die Mitte bedeutet schwache Bindung (Personen sind flüchtig bekannt), ganz rechts bedeutet starke Bindung (Personen sind eng bekannt).
- Kontext: ganz oben bedeutet rein privater Kontext, die Mitte bedeutet Übergang zwischen beruflichem und privatem Kontext, ganz unten bedeutet rein beruflicher Kontext.
Die Abbildung ist natürlich nur schematisch und vereinfacht die Zusammenhänge. Dennoch wird deutlich, dass die Netzwerke unterschiedliche Ausrichtungen haben und daher (derzeit) nebeneinander existieren können. Man erkennt aber auch, dass es Bestrebungen gibt, die eigene Position auszuweiten: So hat Facebook angekündigt, einen reinen E-Mail-Dienst anbieten zu wollen. XING hat Statusmeldungen eingeführt, um Twitter Marktanteile abzujagen. Jetzt startet Google mit Buzz den Angriff auf die etablierten Dienste. Das Problem ist: Es gibt im Moment kaum Überlappungen zwischen dem Einsatzbereich von Mail und dem der anderen sozialen Anwendungen. Wird Google dieses Problem lösen können, oder wird Buzz ähnlich scheitern wie Google Orkut?



